{"id":350,"date":"2015-12-29T09:23:16","date_gmt":"2015-12-29T08:23:16","guid":{"rendered":"http:\/\/gruene-ov-stuttgart.de\/bad-cannstatt\/?p=350"},"modified":"2015-12-29T09:44:24","modified_gmt":"2015-12-29T08:44:24","slug":"wir-packen-an-anstatt-zu-jammern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gruene-ov-stuttgart.de\/bad-cannstatt\/2015\/12\/29\/wir-packen-an-anstatt-zu-jammern\/","title":{"rendered":"\u201eWir packen an anstatt zu jammern\u201c"},"content":{"rendered":"<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-349 size-full\" src=\"https:\/\/gruene-ov-stuttgart.de\/bad-cannstatt\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Kretschmann-Interview_dpa_64626637_700x360.jpg\" alt=\"Kretschmann-Interview_dpa_64626637_700x360\" width=\"700\" height=\"360\" \/>\n<p><b>Im Weihnachts-Interview mit dem S\u00fcdkurier spricht Ministerpr\u00e4sident Winfried Kretschmann \u00fcber die Herausforderungen der Fl\u00fcchtlingskrise, christliche Werte und sein Verst\u00e4ndnis von N\u00e4chstenliebe.<\/b><\/p>\n<div id=\"content-main\" class=\"wrap wrap-content\">\n<div data-rtr-content=\"#read\">\n<p class=\"bodytext\"><b>S\u00fcdkurier: Herr Ministerpr\u00e4sident, Sie w\u00fcrden gern kreativ in den Lauf der Dinge eingreifen, meinten Sie zu Beginn der Legislaturperiode. Klappt das bis jetzt?\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Kretschmann:<\/b>\u00a0Ja, zum Beispiel mit der Politik des Geh\u00f6rtwerdens. Ich habe schon im letzten Wahlkampf gesagt, aus Baden- W\u00fcrttemberg soll nicht der gr\u00f6\u00dfte Debattierclub aller Zeiten werden, in dem nichts mehr entschieden wird, aber die B\u00fcrger sollen mitreden k\u00f6nnen. Das ist gelungen. Ein kleines Beispiel ist die neue Justizvollzugsanstalt in Rottweil, wo wir vier Jahre lang einen intensiven und teilweise hochkontroversen Dialog mit den B\u00fcrgern gef\u00fchrt haben. Es wurde abgestimmt, und zum Schluss stand der Pakt mit der B\u00fcrgerschaft. Das ist einfach gelungen, auch wenn man nat\u00fcrlich feststellen muss, alles Markante wird irgendwann persifliert.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Sie meinen die \u201ePolitik des Geh\u00f6rtwerdens\u201c?\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Kretschmann:\u00a0<\/b>Ja, es ist ja logischerweise so, dass nicht jeder erh\u00f6rt werden kann. Dann wird das von der Opposition aber schnell ins L\u00e4cherliche gezogen. Erlebnispsychologisch ist das immer sehr interessant, wie Begriffe weitergesponnen oder umgem\u00fcnzt werden. Ich bin \u00fcberzeugt, dass uns eine neue Art von dialogorientierter Politik gelungen ist. Als inhaltliches Politikfeld f\u00e4llt mir die Digitalisierung ein \u2013 eine ganz entscheidende Frage f\u00fcr die Zukunft unseres Wirtschaftsstandorts. Das habe ich aufgegriffen, obwohl es nicht im Parteiprogramm oder Koalitionsvertrag stand. Ich habe mich inspirieren lassen von meinem Wirtschaftsberaterkreis und durch einen Besuch in Silicon Valley. Die Erkenntnisse haben wir dann klar und strukturiert umgesetzt. Wenn wir heute Lernfabriken 4.0 einrichten oder Informatikunterricht in den Schulen verpflichtend einf\u00fchren, stellen wir sicher, dass die n\u00e4chste ausgebildete Generation auf dem neuesten Stand ist. Das nenne ich kreatives Eingreifen in den Lauf der Dinge: Wir haben unsere Neugierde auf das Neue nicht verloren. Es ist kein Trott eingezogen. Wir sind auch wach gegen\u00fcber Dingen, die ganz unerwartet kommen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Wie die Fl\u00fcchtlingskrise?\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Kretschmann:\u00a0<\/b>Wir k\u00f6nnen auch Krise. Wir packen an anstatt zu jammern, und bringen die Menschen, die in Not zu uns kommen, ordentlich unter und k\u00fcmmern uns um die Integration derer, die bleiben.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Klimawandel, Terrorismus, Fl\u00fcchtlinge, das sind alles globale Themen, die bei uns in Baden W\u00fcrttemberg aufschlagen. Wie schwer sind die Zeiten?\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Kretschmann:\u00a0<\/b>Sie sind einerseits wirklich schwer. Den Terrorismus zu bek\u00e4mpfen, daf\u00fcr gibt es erst einmal keine einfache L\u00f6sung. Das ist ein hochkomplexes Feld, das viele Unsicherheiten birgt. Aber wir gehen es konsequent an, haben mit unseren beiden Anti-Terrorpaketen zus\u00e4tzliches Personal bei Polizei, Verfassungsschutz und Justiz geschaffen und die Islamismus-Pr\u00e4vention ausgebaut. Das sind zun\u00e4chst alles Schattenseiten der Globalisierung. Meine Partei war immer global aufgestellt, das macht es andererseits wieder etwas einfacher. Wenn man alles immer zusammengedacht hat, erschrecken einen die Schattenseiten der Globalisierung nicht mehr so, dass man in Handlungsunf\u00e4higkeit erstarrt und seine Prinzipien \u00fcber Bord wirft, indem man kurzsichtig und \u00e4ngstlich auf Abschottungspolitik setzt. Bei der Fl\u00fcchtlingskrise gibt es die Krise hinter der Krise, n\u00e4mlich die Verwerfungen in Europa. Die sind brandgef\u00e4hrlich f\u00fcr das europ\u00e4ische Projekt, das ist inzwischen hoffentlich allen klar. Da kommt es dann schon darauf an: Ist Deine Partei eine \u00fcberzeugte Europapartei oder nicht.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Es hilft doch nichts, nur Ursachenanalyse zu betreiben. Schaut man sich den Rechtsruck in Europa an, sind die reflexhaften Antworten \u00fcberall gleich&#8230;\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Kretschmann:\u00a0<\/b>Das ist klar, die Verlockung, vermeintlich einfache Antworten als L\u00f6sungen hinzustellen, ist gro\u00df. Aber unsere Aufgabe ist es, die Rechtspopulisten klein zu halten. Unsere Antwort kann nur ein Appell sein: Liebe Leute, mit dem Sch\u00fcren von \u00c4ngsten und Vorurteil l\u00f6sen wir keine Probleme, sondern vergr\u00f6\u00dfern sie. Die Erfahrung haben wir schon mal gemacht 1992 und 1996 mit den Republikanern. Macht den Fehler nicht noch mal wieder! Nat\u00fcrlich ist jeder einzelne zu viel, aber schauen Sie nach Frankreich, nach Polen. Dann k\u00f6nnte man auch sagen, wenn nur vier oder f\u00fcnf Prozent der Bev\u00f6lkerung Fremdenfeinde sind, k\u00f6nnen wir froh sein.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Wie reagieren Christen auf Versuche, durch Abschottung Fl\u00fcchtlinge drau\u00dfen zu halten?\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Kretschmann:\u00a0<\/b>Hochgradig irritiert. Dass auch der Fremde unser N\u00e4chster ist, lernt der Christ aus dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. F\u00fcr das Christentum ist das geradezu eine archetypische Geschichte. Das macht etwas vom Wesenskern des Christentums aus. Es gibt einige Stellen in der Schrift, die ausweisen: das Christentum ist nicht die \u201eStammesreligion\u201c der Europ\u00e4er, sondern es ist eine Universalreligion mit universalen Menschenrechten. Das hat eine tiefe Wurzel in der Aussage, dass der liebe Gott seine Sonne \u00fcber Gerechte und Ungerechte scheinen l\u00e4sst. Das ist eine Ansage an alle Menschen. Deshalb ist es ein ganz verqueres Bild, das Pegida mit dem christlichen Abendland heraufbeschw\u00f6rt, denn es tut so, als sei das Christentum eine \u201eStammesreligion\u201c, das ist aber nicht der Fall. Man darf sehr dankbar sein, dass ein Kirchenf\u00fchrer wie Kardinal Marx, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, sehr deutlich macht, dass Leute, die das nicht akzeptieren, aus dem Christentum in Wirklichkeit eine Ideologie machen \u2013 am Kern ihrer Botschaft vorbei.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Heilige Schrift wird also missbraucht?\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Kretschmann:\u00a0<\/b>Gerade jetzt in dieser Zeit kann man nicht oft genug daran erinnern: Die Heilige Familie ist vor politischer Verfolgung nach \u00c4gypten gefl\u00fcchtet. Also gab es schon jemand, wo sie hin fl\u00fcchten konnten. \u00dcbrigens das zweite Mal, wenn man Josef und seine Br\u00fcder einbezieht. Da muss man sich schon sehr wundern, womit manche daherkommen \u2013 auch wenn man zum Beispiel die Geschichte von Jesus im Stall nimmt oder die Botschaft der Engel: F\u00fcrchtet Euch nicht!<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Ist das vereinbar mit Obergrenzen, bleibt drau\u00dfen, mit Z\u00e4unen?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Kretschmann:\u00a0<\/b>Nat\u00fcrlich nicht, aber trotzdem muss ein solcher Humanismus auch pragmatisch sein. \u201eLiebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst\u201c bedeutet auch, dass N\u00e4chstenliebe einen selbst nicht fortw\u00e4hrend \u00fcberfordern darf. Das ist schon wichtig. Aber dass ich gerade aus Teilen der Union immer nur die Restriktionen h\u00f6re \u2013 ausgerechnet \u2013 und dieses Fremdenfreundliche des Christentums nur von einem Teil, ist schon hochgradig irritierend. Die CDU tr\u00e4gt das \u201echristlich\u201c im Namen. Und das verpflichtet, so wie Merkel es in ihrer Parteitagsrede gesagt hat.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Kann es sein, dass die Fl\u00fcchtlinge uns auch zeigen, wie d\u00fcnn der Firnis ist, was Weltoffenheit, Toleranz, aber auch unsere christliche Grundierung angeht?\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Kretschmann:\u00a0<\/b>So pauschal kann man das nicht sagen. Wir erleben doch eine \u00fcberw\u00e4ltigende Hilfsbereitschaft, eine sehr t\u00e4tige christliche N\u00e4chstenliebe. Ob sie nun im christlichen Gewand oder s\u00e4kular daherkommt, ist erst einmal gar nicht wichtig. Das hilft ja nicht nur den Fl\u00fcchtlingen, es beeinflusst auch das gesellschaftliche Klima. Ein Gro\u00dfteil nimmt die N\u00e4chstenliebe ernst und setzt sie einfach um. Insofern wird das auch wirklich gelebt. Das ist schon eine gro\u00dfartige Erfahrung, f\u00fcr die ich unendlich dankbar bin.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mit welchen Gef\u00fchlen gehen Sie in die Weihnachtszeit und ins neue Jahr?\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Kretschmann:\u00a0<\/b>Erst einmal mit dem ganz praktischen Gef\u00fchl, dass ich jetzt einmal Ruhe habe, eine Atempause, und meinen Enkel \u00f6fter sehe. Zugleich auch mit einiger Zufriedenheit, da wir als Regierung einen guten Job gemacht haben und unser Land so gut dasteht wie lange nicht mehr. Wir k\u00f6nnen mit einer guten Bilanz vor die B\u00fcrger treten. Insofern ist Zuversicht angesagt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Fragen stellte Gabriele Renz<\/p>\n<p class=\"message-source\"><span class=\"tx-rsmpress-source-label\">Quelle:<\/span>\u00a0S\u00fcdkurier vom 23. Dezember 2015<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"row-fluid\"><\/div>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Weihnachts-Interview mit dem S\u00fcdkurier spricht Ministerpr\u00e4sident Winfried Kretschmann \u00fcber die Herausforderungen der Fl\u00fcchtlingskrise, christliche Werte und sein Verst\u00e4ndnis von N\u00e4chstenliebe. 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