Bewusste Entscheidung gegen die Flugreise

Birkach. Statt mit dem Flugzeug mit Zug und Bus nach Marokko?
Ulrich Fellmeth hat genau das vor der Krise getan.

Von Eileen Breuer – Stuttgarter Zeitung!

 

Sommer, Sonne, Sandstrand: Wer in normalen Zeiten – den Urlaub im Warmen verbringen möchte, entscheidet sich meistens dafür, in den Flieger zu steigen. Laut statistischem Bundesamt traten im vergangen Jahr rund 124,4 Millionen Fluggäste von den 24 größten Verkehrsflughäfen in Deutschland eine Reise über die Wolken an – die Zahl der abfliegenden Passagiere ist damit im zehnten Jahr in Folge gestiegen.

Ulrich Fellmeth aus Birkach ist in dieser Hinsicht alles andere als ein Trendsetter.  Denn er legte – noch vor der Corona Krise – den Weg nach Marokko gemeinsam mit seiner Ehefrau per Bus, Zug und Fähre zurück. Wie kam es dazu?

„Ich persönlich leide nicht unter Flugscham, finde jedoch, dass wir das Fliegen auf das Notwendigste begrenzen sollten, um das Klima zu schützen und die Ressourcen zu schonen“, erklärt Fellmeth.

In Marokko wollte  er aber nicht nur seine  Füße im Atlantik  baumeln lassen. Das Ehepaar besuchte dort eine Konferenz.  „Meine Hemmung zu fliegen, ist so groß, dass wir uns nicht vorstellen, Urlaub rein mit dem Flugzeug zu machen! Sagt Fellmeth. Das geht nicht jedem so: Fast für die Hälfte der Reisen, die die Deutschen vergangenes Jahr unternommen haben, stiegen sie in einen Flieger. Das zeigt die Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen. Was dies ebenfalls verdeutlicht: Drei Viertel der Flugreisenden haben angeblich ein schlechtes Gewissen dieses Fortbewegungsmittel gewählt zu haben.

Der Birkacher Ulrich Fellmeth lebt derweil vor: Es geht anders. Doch: Wer ohne Flugzeug reisen will, muss Hürden auf sich nehmen. Während der Flug meistens nur ein paar Klicks entfernt ist, hat es Fellmeth Stunden gekostet, seine Reise von Birkach nach Marokko ohne Flieger zu planen. In die logistische Organisation der Reise investierte er 30 Stunden: „Der Aufwand, der zu betreiben ist, um nicht zu fliegen, ist um ein Vielfaches höher. Da stimmt die Relation nicht.

Die Fahrtkosten auf der Hinfahrt haben sich pro Person insgesamt auf 260 Euro belaufen. Die Rückflüge hingegen haben 120 Euro gekostet, im Internet finden sich Angebote schon ab 30 Euro. „Wenn ich möchte, dass die Menschen auf andere Verkehrsmittel umsteigen, muss ich das Fliegen teurer und die Verkehrsmittel am Boden günstiger machen.“

Und nicht nur für die Planung ist der zeitliche Aufwand hoch. Während man im Flieger nur zwei Filme schauen muss, bis man die Strecke von Stuttgart nach Marrakesch zurückgelegt hat, betrug die reine Reisezeit von Fellmeth drei Tage. So lange unterwegs zu sein, empfand der Birkacher jedoch nicht als negativ: „Man sieht, welche räumliche und kulturelle Distanz man überwindet.“ Aus dem Fenster schauen, die Gedanken schweifen lassen, ein gutes Buch lesen, das schon lange auf dem Nachttisch liegt: Für all das hat man während der Fahrt Zeit. „Und meiner Frau und mir geht der Gesprächsstoff nicht so schnell aus“, sagt Fellmeth.

Am 22. Februar bestiegen er und seine Frau den TGV nach Paris. Den Zwischenstopp in der französischen Hauptstadt nutzte das Paar, um an der Seine zu flanieren, den Eiffelturm zu bestaunen und sich in ein Café zu setzen. Von Paris aus fuhren sie über Nacht mit dem Fernbus nach Madrid und sparten sich so die Kosten für eine Übernachtung.

In Madrid verbrachten sie zwei Tage und banden einen Städtetripp in ihre Reise ein: Wenn ich ein Hotel auf Mallorca gebucht habe, habe ich nur ein Ziel: möglichst schnell und reibungslos anzukommen. Unser Urlaub war es, unterwegs zu sein“, Sagt Fellmeth.

Von Madrid fuhren sie per Zug nach Cadiz und von dort aus nach Tarifa, das war ihr zweiter längerer Stopp auf der Reise. Von dort aus setzten sie mit der Fähre nach Tanger über, von wo aus sie Marrakesch ansteuerten. Pünktlich erreichten sie das Ziel. „Ich hatte mir das schwieriger vorgestellt: ob der Zug fährt, der Sitzplatz wirklich reserviert ist“, sagt er. Das einzige Problem trat nicht bei einer Zug- oder Busfahrt auf, sondern am Flughafen.

Die Rückreise hat das Ehepaar mit dem Flugzeug zurückgelegt.
Am Schalter stellte sich heraus: Der Koffer war zu schwer.

Zurück aus Marokko lautet das Resümee:
Er würde die Reise wieder so machen – mit einer Ausnahme:

„Ich würde die Rückfahrt auch ohne Flieger zurücklegen.“

 

Bilder: Petra Pfendtner und Ulrich Fellmeth.

Paris_Metro_Blick auf Seine und Eiffelturm Tarifa - Blick auf den Atlantik Tarifa_Unsere Fähre im Mittelmeer Unterwegs über das Atlas Grbirge Zwischen Atlantik und Mittelmeer

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